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Die Briefe der Preisträger in Klassenstufe 11./12.

1. und 2. Platz nicht vergeben

Jeweils ein 3. Platz an Charlott Münzer, Spreetal-Zerre

Liebes Ich,

oder sollte ich vielleicht besser sagen „Hey du" oder „Hallo Zukunft'? Wer weiß schon, ob ich in 5 Jahren, wenn dieser Brief möglicherweise geöffnet wird, immer noch dieselbe Person bin, wie heute?!

Ich rede mit dir aber irgendwie natürlich auch mit mir und dieser Gedanke fühlt sich so unreal an, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll...

Heute, am 22.10.2020 sitze ich am PC zu Hause im Flur und habe soeben eine Biologiepräsentation über Pränataldiagnostik ausgearbeitet. Ich bin mir sicher, dass du dich noch an das Fach Biologie in der Oberstufe erinnern kannst. Es raubt mir den derzeit den Atem, egal wie viel Arbeit ich auch hineinstecke, keine wirklich befriedigenden Noten darin zu erhalten.

Wenn mich dieser Gedanke mal wieder einmal runterzieht, denke ich an die doch auch bemerkenswerte Zeit die ich gerade trotz Corona erleben darf. Du weißt sicher noch, wie du vor ein paar Jahren immer in den Jugendclub gingst und eine richtig gute Zeit erleben durftest. Diese Menschen machen mich derzeit so glücklich, dass ich heulen könnte, wovon ich gerade nicht weit entfernt bin. Ja, ich bin froh, endlich wieder auf kleine Partys gehen zu können. Und ja, ich bin auch froh, dass es mir mental endlich wieder besser geht. Dieser ganze Corona-Shitstorm hat mich verdammt nochmal heruntergezogen. Es tat so weh, von März bis fast Ende Juni meine Freunde nicht sehen zu können. Früher hätte ich niemals gedacht, dass einen Menschen seine sozialen Verhältnisse derart stark beeinflussen. Nun weiß ich es und schätze mein derzeitiges Umfeld umso mehr.

Zurzeit lebe ich meine Jugend aus, treffe mich regelmäßig mit Freunden, gehe am Wochenende feiern, und konsumiere Alkohol. Sehr froh bin ich derzeit darüber, niemals illegale Drogen konsumiert zu haben. Ich hoffe, du kannst von dir jetzt dasselbe behaupten!

Nichtdestotrotz bewältige ich nebenbei mein Abi, wobei „nebenbei" wohl das falsche Wort ist. Es ist schließlich derzeit meine Hauptaufgabe. Die elfte Klasse verlief relativ gut, weswegen ich voller Erwartungen auf die zwölf blickte. Nun merke ich allerdings, dass es die zwölfte Klasse in sich hat. Die Herausforderung für mich ist nun, das Gleichgewicht zwischen Freizeit und Schule zu halten. Das gelingt mir nicht ganz so gut gerade, weshalb ich etwas Angst vor meiner Zukunft habe.

Mein Ziel ist es, nach dem Abitur Kriminalkommissarin oder Geografie zu studieren. Ob sich mein Berufswunsch von 2020 verwirklicht, kannst wohl nur du jetzt bestätigen. Vielleicht bist du gerade mittendrin und studierst eine der beiden Möglichkeiten. So wie ich mich allerdings kenne, machst du wohl eh grad etwas ganz anderes. Meine Gedanken und Sichtweisen auf verschiedene Dinge ändern sich zurzeit täglich. Möglicherweise lachst du jetzt drüber, weil sich dies geändert hat und du fest im Leben stehst oder aber diese Eigenschaft bleibt immer noch bestehen.

Des Weiteren plane ich gerade einen Auslandsaufenthalt nach meinem Abitur durchzuführen, wenn dieser nicht aufgrund von Corona gecancelt wird- Mein größter Wunsch ist es, eine neue Kultur mal so richtig kennenzulernen und das am anderen Ende der Welt. Hat es geklappt? Wenn es geklappt hat, bin ich mächtig stolz auf dich, dass du es durchgezogen hast. Schließlich bange ich gerade mit dem damit verbundenen Heimweh und einem möglichen Kulturschock. Zuversichtlich bin ich trotzdem, denn ich weiß, dass ich, wenn ich mir etwas in den Kopf setze, alles dafür tue, es erleben zu dürfen.

Was könnte ich dir noch erzählen? Was dich heute interessiert werde ich wohl erst erfahren, wenn ich als du diesen Brief lese. Vielleicht etwas über mein Verhältnis zu Mama, Papa und Stella? Nun gut, mit allen verstehe ich mich im Moment bestens. Ok, manchmal gibt es einen kleinen Streit mit Mama, weil ich mal wieder zu viele Klamotten bestellt habe. Mit Papa gibt es nur Stress, wenn er seine Sachen nicht wieder wegräumt, die er hervorgeholt hat. Bist du heute immer noch so verrückt nach einem aufgeräumten Zuhause? In den letzten Monaten sage ich immer „Wird Zeit, dass ich endlich ausziehe, damit ich meine Wohnung so sauber halten kann, wie ich es möchte". Kannst du dies bestätigen, oder war es doch bei Mama und Papa am besten?

Ich kann mir vorstellen, dass du alles dafür tust, gerade Mama so oft zu sehen wie möglich, denn unsere Bindung ist neben Stella, mein Ein und Alles. Nichts wünsche ich mir sehnlicher, als dass unser Familienzusammenhalt so bleibt oder sogar noch stärker wird, als er zurzeit ist.

Mein zweiter ernsthaft relevante Wunsch ist, dass unsere Familie gesund bleibt. Omas, Opas, Tante, einfach ALLE. Erst jetzt habe ich mitbekommen, wie schwer es ist ein Familienmitglied aufgrund einer Krankheit zu verlieren. Und zack wurden alle meine materiellen Wünsche, wie der Audi RS3, auf die hintersten Plätze verdrängt. Solch ein Verlust ist unbezahlbar und ich denke, aber hoffe zugleich auch nicht, dass du diesen Verlust ertragen musstest. Oma Erna ist nun 92 und ihr Zustand verschlechtert sich monatlich, diesen Prozess anzusehen und nicht groß helfen zu können, bricht mir das Herz. Ich hoffe auf ein Wunder.

Neben der Angst vor dem Tod geliebter Menschen, habe ich schon seit Jahren panische Angst vor Terroranschlägen. Sei es ein Amoklauf in der Schule oder ein Angriff im Freien. Ich meine, du teilst diese Angst immer noch, denn ich glaube, sie wird nie verschwinden. Sie wohnt schon mindestens 5 Jahre in mir, wenn nicht sogar schon länger.

Nun aber zu den schönen Dingen im Leben, die du hoffentlich gerade erlebst. Vielleicht hast du schon den Partner gefunden, mit dem du dein ganzes Leben verbringen möchtest oder hast schon deine eigene kleine Familie gegründet. Wenn dies zutrifft, herzlichen Glückwunsch! Ich weiß, wie sehr ich mir derzeit wünsche, in ein paar Jahren Kinder zu bekommen. Auch wenn du andere Erfolge, wie z.B.: das Abitur, in den letzten fünf Jahren bewältigt hast, bin ich stolz auf dich. Mama und Papa werden es auch sein. Wie sieht es sonst so in deinem Leben aus? Ich hoffe du wirst nicht mehr mit der Corona Pandemie konfrontiert. Sicher kannst du dich noch sehr gut an sie erinnern.

Hast du endlich angefangen, das mit dem Sport durchzuziehen? Hast du aufgehört sinnlos viel Geld für Anziehsachen, Schuhe oder Schmuck auszugeben? Obwohl ich mir hier sehr sicher bin, dass du diese Leidenschaft immer noch teilst und sie für immer ein Teil von uns sein wird. Eher glaube ich, dass du weniger Geld für gutes Essen ausgibst und somit sparst.

Weißt du, theoretisch ist es ja auch völlig egal, wofür du dein Geld ausgibst, die Hauptsache ist ja, dass es dich glücklich macht, und das wird es. Glücklich machen dich mit Sicherheit keine Dinge, die du dir kaufen kannst. Was ist es denn genau, was dich glücklich macht? Sind es noch die gleichen Personen wie heute? Ist Susa nach all den Jahren nach wie vor die Person, mit der du am liebsten etwas unternimmst? Ich könnte dir so viele Fragen stellen, auf deren Antwort ich mehr als gespannt bin.

Nun denn, ich hoffe, dass du überzeugt sagen kannst, dass es dir gut geht und du ein glückliches Leben führen darfst. Sicher musstest du in Zwischenzeit einige Tiefen durchleben. Auch wenn du gerade in solch einem Tiefpunkt steckst... das Leben hält noch viel Wunderbares für dich bereit, das weiß ich! Wenn du denkst, du kommst da nicht mehr raus, glaub mir, es gibt immer einen Ausweg.

Eine letzte Bitte habe ich aber doch noch an dich. Wenn du nun diesen Brief gelesen hast, musst du deine Gedanken und Gefühle sicher erstmal ordnen. Hast du diese allerdings wieder im Griff, würde ich mich freuen, wenn du einen weiteren Zukunftsbrief verfasst. Für dich, für mich, einfach für uns. Es wird kostbar sein, nach ein paar Jahren diese Briefe hintereinander zu lesen und anhand dessen meine Entwicklung von mir zu dir ablesen zu können! Hoffentlich erlebst du viele wunderbare Erlebnisse und Tage voller Sonnenschein, denn NICHTS ist wertvoller als ein ausgeglichenes Ich.

Ich liebe mich und somit auch Dich.


und an Lucy Schwarcenberger, Kleinwelka

Ein Brief an die Zukunft

Sonntag, 25. Oktober. 2020.

Ich sitze in meinem kleinen, vollgepackten Zimmer und versuche, meine umherwirbelnden Gedanken, welche zu Tausenden herumschwirren, zu ordnen.

Bin ich wirklich dazu bemächtigt, einen Brief an die Zukunft zu schreiben? Besitze ich Gedanken, welche es wert sind, geteilt zu werden?

Wie erschaffe ich etwas für die unbekannte Zukunft?

Oder sollte ich mir es vielmehr zu Nutze machen, dass sie unvorhersehbare Geschichten schreibt?

Was wird in Hunderten von Jahren geschehen sein?

Wird der Brief in einem Museum, vielleicht auf dem Mars, ausgestellt werden - und sich dann jeder wundern, wie ein ausgestorbener Mensch die Zukunft voraussagen konnte?

Oder wird es ein nie zu Ende geschriebenes Stück Papier werden, welches zusammengeknüllt in der hintersten Ecke eines Dachbodens liegen und einer Spinne Gesellschaft leisten wird?

Eventuell finde auch ich diesen Brief, wenn ich all meine Habseligkeiten in meinem zukünftigen Zuhause auspacken werde.

Da ich ihn in meiner vollgepackten Kindheitskiste mit in meine Zukunft genommen habe, scheine ich ihn für wichtig gehalten zu haben.

Es kann genauso möglich sein, dass ich nicht mehr existieren werde, wenn dieser Brief entdeckt wird. Vielleicht räumen meine Enkel gerade mein Haus aus, wenn sie ihn finden. Und vielleicht nehmen sie sich die Zeit, um diese Ansammlung an Wahrscheinlichkeiten zu lesen.

Doch bis jetzt ist diese Niederschrift kein wirklicher Brief. Sie hat keinen Adressaten. Und was wäre schon ein Brief, wenn ihn kein Empfänger erwartet?

An wen adressiere ich einen Brief, welchen ich in das Ungewisse schreibe?

Und doch, würde ich einen Adressaten festlegen, wäre die Zukunft nicht mehr unkalkulierbar.

Ich würde die zufälligen Schicksale, welche diesem Brief widerfahren könnten, ermorden, wenn ich ihn an einen Leser binden würde.

Also, wie fängt man einen Brief an die Unendlichkeit an?

Liebe Zukunft,

Hier schreibt deine Vergangenheit.

Egal in welcher Form du den Brief wohl erhalten mögest, das Schicksal wird dazu führen, dass du ihn irgendwann empfangen wirst.

Und dadurch werde ich ein Teil deiner Zukunft und Vergangenheit sein.

Ich frage dich: Ist es wirklich sinnvoll, Fragen an die Zukunft zu stellen?

Wie eigenartig, habe ich nicht gerade eine Frage gestellt und dabei meine eigene Handlung kritisiert?

Ja, genau das habe ich wohl. Es offenbaren sich hierbei zwei Probleme.

Erstens, ich kann so viele Fragen an die Zukunft stellen, wie ich möchte. Werde ich je eine Antwort bekommen?

Vielleicht, wenn der Empfänger des Briefes mich aufsuchen und mir die Antworten mitteilen wird. Doch dann werde ich die Antworten bereits kennen, da ich sie miterlebt habe.

Und sollte ich die Antworten nicht mehr erleben, so nützt es auch nichts, wenn der Empfänger mir die Antworten zukommen lassen würde, da es mich dann nicht mehr geben wird. Ich werde also durch diesen Brief keine Erleuchtung finden.

Das zweite Problem zeigt, dass die Vergangenheit die Zukunft beeinflussen wird. Du glaubst mir nicht?

Was wird mit diesem Brief passieren? Du wirst es besser wissen als ich. Und trotzdem – dies steht fest - kann er nicht einfach verschwinden. Nun, ich habe dich zum Nachdenken gebracht, nicht?

Vielleicht hast du mir auch physisch geantwortet, indem du deine Augenbrauen nachdenklich zusammengezogen hast. Und selbst wenn du nichts davon getan hast, so schenktest du mir dennoch Zeit, da du diese Zeilen gelesen hast.

Ein weiser Mann teilte einmal einen interessanten Gedanken mit mir: „Nur wenn man seine Vergangenheit kennt, kann man die Zukunft gestalten."

Und eventuell steckt in diesem Spruch die Wahrheit, denn egal welches Schicksal diesem Brief widerfahren wird, so beeinflusst er dennoch die Zukunft.

Kann ich wirklich bestimmen, was mit diesem Brief passieren wird? Selbst wenn ich einen Adressaten bestimmen würde, so spielt das Schicksal eine wichtige Rolle im Laufe des Lebens. Vielleicht ist die Vergangenheit mächtiger als die Zukunft, da sie die Zukunft erschaffen hat. Ich tue es gerade. Ich erschaffe Zukunft. Bin ich mächtiger als das, was ich erschaffen habe? Oder ist es genau anders herum?

Ist die Zukunft mächtiger, da sie die Antworten kennt? Habe ich somit Antworten geschaffen?

Eines ist sicher: durch diesen Brief werfe ich Fragen auf, die keine wirklichen Antworten kennen.

Ich kann die Vergangenheit nicht stoppen, sie holt mich ein, egal welches Zeitmaß ich verwenden möge. Alles ist Zukunft, alles ist Vergangenheit.

Aus diesem Grund werde ich den Brief nicht beenden.

Nein, ich kann die Vergangenheit nicht abschließen. Sie wird immer ein Teil von mir bleiben.

Und so hoffe ich, dass dieser Brief auch ein Teil deiner Zukunft wird.

Liebe Zukunft.

Wir werden uns bald begegnen.

Deine Vergangenheit

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