Satirischer Nachschlag

17. 05. 2021

in Sächsische Zeitung, 15.05.2021

Ein satirischer Kolumnist bittet um Vergebung.

Wolfgang Schaller

Herr BP soll ein Unwort gesagt haben. Ich weiß nicht welches, denn als in einer Sendung des Deutschlandfunk die Moderatorin sagte, sie könne das Unwort nicht nennen und würde deshalb einen Reporter fragen, sagte der Reporter, er wolle das Unwort nicht nennen und er würde deshalb einen Experten anrufen, der aber das Unwort nicht nennen wollte. Jedenfalls ist BP ein Rassist und deshalb wollen ihn die grünen Genossen aus Protest verlassen und aus der Partei ausschließen.
Ich hörte von einem linken Genossen, die linke Genossin SW habe nicht nur ein Unwort gesagt, sondern ein ganzes Unwörterbuch vollgeschrieben über Linke, die keine Linken mehr seien, worauf aus Protest Linke, die Linke sind, SW vorwarfen, sie sei eine Rechte, die am besten die Partei verlassen solle. Ich hab vor fünfzig Jahren auch mal bei einem Kabarettauftritt ein Unwort gesagt. Da haben die roten Genossen aus Protest den Saal verlassen und wollten mich aus der Partei ausschließen, weil ich ein Konterrevolutionär sei, aber sie konnten mich nicht aus der Partei ausschließen, weil ich in keiner Partei war. Aber ein Revolutionär hat mir damals in einem anonymen Brief geschrieben, wenn ich das noch mal sage, dann würde ich nicht lange überleben. Das war halt so in der Diktatur. Auch Herr WT kommt aus der Diktatur, und in der Freiheit hat er es bis zum Bundestagspräsidenten gebracht, was nun einige bereuen, weil WT nicht gendergerecht etwas übers Gendern gesagt hat, was Genderer so aufgebracht hat, dass sie WT einen alten weißen Mann nennen, der bitteschön schweigen soll, denn so weit kann die Freiheit nicht gehen, dass jemand sich eine andere Meinung leistet, bloß weil er keine Meinung hat, die man haben sollte, wenn man sie sagt.
Da kommt nun über mich ein ängstlicher Befall, ich könne mir auch schon mal eine Freiheit genommen haben. Fast hätte ich zum Beispiel JJL gratuliert, dass er eine Meinung hat, nämlich dass Allesdichmachen nicht die einzige Alternativlosigkeit sei, was ich auch schon mal gemeint habe, ohne zu ahnen, dass man damit so wie JJL zum Staatsfeind Nr. 1 aufsteigen kann. Glücklicherweise hatte ich Ratgeber zu Rate, und so hielt ich gerade noch rechtzeitig eine Symphatiebekundung für JJL zurück aus Angst, man könne auch mein fünfstelliges Honorar, das ich für eine Kolumne erhalte, der Öffentlichkeit kundtun. Bleib bei deinen Leisten heißt: Halt die Schnauze. Das sollten BP und SW und WT und JJL tun, vielleicht auch ich, der ich bisschen neidisch bin, dass mir so viel Schand trotz großem Bemühn nie gelungen ist.
Liebe Kontrollkommission: Ich möchte nicht ins falsche Unrecht geraten, nur weil ich glaubte, eine weiße Frau könne auch das Gedicht einer Schwarzen übersetzen so wie ich glaube, dass ein people of color auch ein Lied von einem people of white singen kann, zum Beispiel eines von Mozart. Ich sehe nun ein, dass ein Weißer nicht über die Kolonialzeit reden darf, weil sie nur ein Schwarzer erlebt hat. Denn ich hätte es auch gern gesehen, dass nur Ostdeutsche über ihre Vergangenheit reden können statt West-Peoples, die sie nie erlebt haben. Und ich werde für alle Frauen alle Sternchen vom Hinmmel holen, weil das unsere Sprache so verschönt. Ich schwöre, dass meine Oma kein Rassist ist, weil sie im Supermarkt nach Zigeunersoße gefragt hat. Bitte setzt sie deshalb auf keine schwarze Liste, verbietet ihr nicht die Rente und schmeißt sie nicht aus der Partei Graue Panther. Ich gestehe meinen Irrrtum, Demokratie lebe von der Vielfalt der Meinungen. Ich habe vor zwanzig Jahren, als in der Hitparade Roy Black und Roberto Blanko auftraten, scherzhaft gesagt, der einen sehe so aus, wie der andere heißt. Ich weiß, dass das rassistisch gewesen ist. Ich würde das heute nie wieder sagen. Schon weil Roy Black tot ist. Ich schwöre!

Unser Kolumnist ist Kabarettist und Autor.