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Auswüchse linker Identitätspolitik.

11. 02. 2021

Sächsische Zeitung: 

Aus einer Betrachtung von Jörg Peter Löblein zur Streitschrift der linken französischen Publizistin, Aktivistin und Filmemacherin Caroline Fourest: „Generation Beleidigt

…„Im Mai 1968 träumte die Jugend von einer Welt, in der es verboten ist zu verbieten. Die neue Generation denkt nur daran, zu zensieren, was sie kränkt oder ‚beleidigt‘.“ So beginnt die Streitschrift … mit dem alarmierenden Untertitel: „Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei“.
Das gewichtigste Argument gegen die hier kritisierte überschießende Form linker Identitätspolitik lautet: Sie hilft den Rechten. …Wenn sich junge Linke in „unsinnigen Kampagnen“ gegen Künstler und Werke ergingen, wenn sie überall „Mikroaggressionen“ und Beleidigungen entdeckten, dann bringe das den Kampf gegen Diskriminierung nicht wirklich voran. Aber die Rechten könnten sich genüsslich die Hände reiben, denn man überlasse ihnen „die schöne Rolle, die Freiheit zu verteidigen“.

Unzählige Beispiele aus den USA, dem Mutterland der identitären Linken, und Frankreich, wo die Strömung immer größeren Einfluss bekomme, hat Fourest zusammengetragen. … Die Fülle ihrer Fallgeschichten zum Vorwurf der „kulturellen Aneignung“ erschlägt den Leser. Da geht es um Empörungswellen, die Popstars wie Katy Perry auslösten, weil sie sich als Weiße mit afrikanisch konnotierten Zöpfen zeigten. Da soll an einer kanadischen Universität kein Yoga-Kurs mehr stattfinden, weil Yoga den Indern gehöre. Da sollen antirassistische Kunstwerke abgehängt werden, weil sie von Weißen gemalt wurden, die nun einmal nichts wüssten von schwarzem Leid. Da darf Hollywoodstar Scarlett Johansson keine transsexuelle Person spielen, weil sie leider eindeutig weiblich ist. Auch Kantinenessen oder Kindergeburtstage geraten in den Fokus der neuen „Inquisitoren“, jener „Meute 2.0“, die natürlich erst durch die sozialen Netzwerke in dieser Form denkbar wurde.
Wer die identitäre Linke kritisiert, der klingt schnell wie ein „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Rechter. Doch auch Fourest schafft das nicht geringe Kunststück, ihre eigene, ebenfalls linke Position immer unmissverständlich deutlich zu machen: So sei „politische Korrektheit“ selbstverständlich notwendig gewesen, um „das Vokabular der schikanösen Schlacken zu entledigen, die sich gegen Frauen oder Minderheiten richten“, aber nun sehe sie eben „der freiheitsbedrohenden Karikatur immer ähnlicher, die ihre Gegner seit jeher gezeichnet haben, auch schon bevor sie dermaßen ausartete“.

Fourests Wutausbruch ist auch das Dokument eines Generationenkonflikts innerhalb der Linken: Hier die Linksliberalen, denen sich Fourest zuordnet, dort die Linksidentitären. Hier also die Forderung nach der Gleichheit aller Menschen, dort die nach Sonderrechten für verschiedenste Gruppen. Hier das Plädoyer für eine bunte Vermischung der Kulturen, dort die genaue Ausdifferenzierung, ja Abschottung von Minderheiten. Fourest wünscht sich eine im gemeinsamen Kampf gegen die extreme Rechte vereinte Linke. Eine Annäherung der Liberalen an die Identitären erscheint ihr aber offensichtlich nicht denkbar: „Der Weg der Identität führt niemals zur Gleichheit, sondern zur Vergeltung.“
Das klingt eher nach Stellungskrieg, nach leider schon ziemlich festgezurrten linken Identitäten.
Caroline Fourest: Generation Beleidigt. Edition Tiamat,144 Seiten, 18 Euro

 

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