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Dr. Albrecht Balzer veröffentlicht beim Wiener Verein Muttersprache

03. 09. 2020

Verein Muttersprache

 

Sprachblätter Sept 2020

Als leidenschaftlicher Sprachler hatte ich in meinem Berufsleben das große Glück, dass mein wichtigstes Hobby und mein Beruf als Sprachenlehrer weitgehend, wenn ich so sagen darf, „im Gleichklang marschierten”.

Sehr intensiv habe ich spätestens seit 1970 verfolgt, wie sich in der DDR das sprachliche Leben gestaltete, und zwar sowohl die offiziell geregelte Sprache der SED als der absolut dominierenden Partei als auch die Umgangssprache der Normalbürger. Dazu später ein typisches Beispiel.

Durch relativ enge Kontakte zu Bürgern des anderen deutschen Staates erfuhr ich immer wieder, dass es in Westdeutschland zwei offenbar nicht auszurottende Vorurteile über die Sprache der DDR gab.

Das erste dieser Vorurteile, das ich hier nur relativ kurz andeuten will, betraf den im deutschen Osten angeblich dominierenden Dialekt. ... [Hier klicken zum vollst. Text]

Bemerkungen zu einem zweiten Vorurteil will ich mit einem persönlichen Erlebnis verbinden. 1968 nahmen meine Frau und ich privat an einer Singwoche im Rahmen des europäischen Musikprojekts „Europa cantat” im ungarischen Veszprém teil. Wir unterhielten uns etwas salopp in der Umgangssprache unserer näheren Heimat Sachsen-Anhalt. Das hörte ein Bayer, der in der Nähe stand, und fragte uns ganz ernsthaft: „Dös, was Sie do groad gsprochen hoam, ist dös Russisch?” ... [Hier klicken zum vollst. Text]

Die russische Sprache der Besatzer war in der DDR jedoch nie populär, hatte nie das Renommee wie Englisch im Westen und wurde nur von einer relativ kleinen Minderheit als wichtig und nötig akzeptiert. Da ich von 1966 bis 1980 u.a. auch Russisch unterrichtete (bei Schülern und Lehrlingen mit Abitur), weiß ich aus eigenem Erleben, wovon ich rede. — Demzufolge drangen von 1945 bis 1990 nur relativ wenige Russizismen in die DDR-Umgangssprache ein — im Prinzip nicht mehr als etwa 25. Ich nenne die wichtigsten und bekanntesten dieser Zeit: „karascho” (gut), „dawai“ (los!), „Datsche” (Wochenendhaus), „Sputnik“ „Subbotnik” (freiwillige und unbezahlte Arbeit am Samstag), „Schapka” (Mütze), „Towarisch“ (Genosse), „sto“ (100) Gramm (meist auf Wodka bezogen) und in der Gorbatschow-Ära dann noch „Perestroika”, (gesellschaftlicher Umbau) und „Glasnost” (Offenheit). ... [Hier klicken zum vollst. Text]

Was nun die offizielle Sprache der SED als der de facto allein herrschenden Partei betraf, so verschwand sie ebenfalls relativ schnell — logischerweise schon zur Wendezeit von der Bildfläche, zumal sie in der Umgangssprache der Normalbürger meist nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatte. Ein krasses Beispiel war der inhaltlich falsche, aber ideologisch gewaltig aufgebauschte und jahrelang immer wieder aufgewärmte Begriff „antifaschistischer Schutzwall” für die Berliner Mauer, die bekanntlich vom 13. August 1961 bis Ende 1989 existierte und im Wesentlichen dazu diente, die Flucht von DDR-Bürgern zu unterbinden. Die große Mehrheit der DDR-Bürger nannte dieses Bauwerk des Kalten Krieges fast durchweg „Mauer” oder höchstens bei offiziellen Anlässen „Staatsgrenze”. ... [Hier klicken zum vollst. Text]

Apropos „verrückt”: Eine Fahrschule nannte sich nun neumodisch „crazy drive“ und man konnte nur hoffen, dass die Fahrschulmitarbeiter ihren Schützlingen richtiges Fahren beibrachten und nicht das, was der Firmenname eigentlich angekündigt hat! In Krankenhäusern gab es urplötzlich eine „Stroke Unit” - das verstand nun fast niemand mehr, und im Wörterbuch konnte man als Übersetzung notfalls auch auf „Streicheleinheit” kommen. Nach intensiven Bemühungen von Sprachschützern wurde diese evtl. sogar lebensgefährliche, weil völlig unverständliche Verfremdung des Begriffs „Schlaganfall-Abteilung” z. T. wieder abgeschafft, ebenso das „Café to go’, denn das schafft der stärkste Gewichtheber der Welt nicht!!

Dass beim Beispiel „fit und fun im Klub gebucht” das Adjektiv „fit” sprachlich korrekt durch „fitness” ersetzt werden müsste — wer kümmerte sich jetzt noch um solche albernen grammatischen Richtlinien? Der Einfall zählte und sonst meist nichts. ... [Hier klicken zum vollst. Text]

 

Balzer

Dr. Albrecht Balzer (Zittau) wurde 1943 in der Lutherstadt Wittenberg an der Elbe geboren. Lehrerstudium für Latein und Deutsch an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Englisch-Fernstudium an der Pädagogischen Hochschule Potsdam. Von 1966 bis 1980 Lehrer an Normalschulen und Berufsschulen mit Abitur in den Fächern Deutsch, Latein, Russisch und Englisch. Von 1980 bis 2006 an der Technischen Hochschule Zittau (Ostsachsen) und dann am Internationalen Hochschulinstitut Zittau tätig. 1987 Promotion an der Pädagogischen Hochschule Potsdam im Bereich Englisch-Methodik. Seit 2006 im Ruhestand. Aktiver Sprachschützer seit 2000, im regionalen Sprachrettungsklub Bautzen (Oberlausitz), im Verein Deutsche Sprache (VDS) und in der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft (NFG) von Köthen (Sachsen-Anhalt).

 

 

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