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Da steh ich nun ich armer Mohr ...

30. 08. 2020

Karl Marx wird abgesetzt und das Zigeunerschnitzel verboten und der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Kriege, Pandemien und Klima bedrohen die Welt, aber die größte Bedrohung ist zurzeit die Mohrenstraße, deren Umbenennung in Berlin als historisches Fanal gegen Rassismus gefeiert wird.
Meine Eltern hatten mir Nachkriegskind eine Negerpuppe geschenkt als Zeichen der Völkerverständigung. Auf meinem Kindergeburtstagstisch lag das Buch über die freche Göre Pippi Langstrumpf, die ihren Papa stolz Negerkönig nennt. Und bald entdeckte ich meine Liebe zum Theater bei Franz Moor und dem Mohren von Venedig.
Tut mir leid, es ist irgendwas schiefgelaufen: Ich bin kein Rassist geworden. In Astrid Lindgrens Buch heißt nun der Negerkönig Südseekönig. Und der Negerkuss heißt Schokokuss. Meinetwegen kann er auch Schaumbeutel mit Migrationshintergrund heißen und der österreichische Schokopudding nicht mehr Mohr im Hemd, sondern Farbiger im Schlüpfer.
Die Sprachpolizisten können auch noch Schwarzfahrer umbenennen in Weißmacher. Aber im Schwarzwald sitzt kein Schwarzer, und in der Zigeunersoße sitzen auch keine Sinti und keine Roma. Man möge das Zigeunerschnitzel umbenennen in Nichtsesshaftes Balkanschnitzel. Aber, Freunde der politischen Korrektheit: Es wird davon nicht besser. Denn Wörter sind nicht rassistisch. Menschen sind rassistisch.
All die christlichen Dobrindt-, Söder- und Landowsky-Sprüche, von „Sich bis zur letzten Patrone wehren“ und „Wo Müll ist, sind Ratten“ und vom „Shuttle-Service für im Mittelmeer Ertrinkende“. Und all die Gaulands mit ihrem Ausmisten-Wollen und nach Andalusien-Entsorgen.
Und alltäglich: Eine Stellenbewerberin oder Wohnungssuchende ablehnen, weil sie ein Kopftuch trägt oder einen Bartträger polizeilich überprüfen, weil es Mohamed sein könnte.
Oder wenn Friedrich Merz in einer Talkshow meint, man könne dreihundert vor Bomben geflohene syrische Kinder nicht aus der Hölle von Lesbos holen, weil das Schwierigkeiten in unseren Schulen bringen könnte. Da wird es nichts helfen, die Denkmäler zu stürzen von Immanuel Kant, weil der einst die schwarze Hautfarbe als Beweis für geistige Umnachtung hielt, und von Karl Marx, der den Juden Schacherei vorwarf. Und Hannah Arendt runter vom Sockel, weil sie bei der afrikanischen Rasse Vernunft und Kultur vermisste. Raus aus den Opernhäusern mit Richard Wagner wegen seines unerträglichen Antisemitismus.
Die Dresdner Messehalle war überfüllt, als Sarrazin erklärte, dass Moslems nur für den Gemüsehandel geeignet sind. Es saß und sitzt tief in unserer Geschichte. Daran tragen wir so schwer, dass wir nun am liebsten alles aus unserem Gedächtnis löschen würden. Da haben wir gute Erfahrungen aus den Nachwendejahren, als Dresdens Straßen und Plätze umbenannt wurden, weil sie von Thälmann bis Fučik nach kommunistischen Widerstandskämpfern benannt waren. Da hatten wir großes Glück, dass es keinen Kommunisten namens Haupt gab, sonst hätten sie den Hauptbahnhof auch umbenannt.
Geschichte lässt sich nicht entsorgen, das schafft auch Herr Knorr nicht, wenn er die Zigeunersoße umbenennt. Da müsste die Regierung, statt vor den Autokonzernen zu knien, deren Beteiligung an rassistischen Verbrechen anprangern und die Akten öffnen über Altnazis, die nach dem Krieg durch den Weißmacher gezogen wurden. Aber ach Gott, wer will das schon? Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Und er wird nicht trockengelegt, wenn die Mohrenstraße Mohrrübenallee heißt. Und ich lese jetzt weiter im wunderbaren Buch über den weißen Neger Wumbaba. Anschließend gucke ich im Ersten „ttt“ mit Dieter Mohr. Bevor der auch noch umbenannt wird.

Unser Kolumnist ist Kabarettist und Autor.

 

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