Warum Sprachen sterben

11. 04. 2020

 

In der Serbske Nowiny (sorb. Tageszeitung) vom 20. Nov. 2015 schreibt Dr. Cordula Ratajczakowa (Übersetzung von S. Kosel):

"Weshalb und wie Sprachen sterben?"

hieß das Thema der gestrigen Akademie der Maćica Serbska1 im Bautzener Restaurant "Wjelbik". Der Publizist Sieghard Kosel erhellte Fakten und Gedanken zum Thema in der Welt wie auch in der Lausitz.

Brisantes Thema hat kaum gezogen

Bautzen (SN/CoR.) Ein brisantes Thema, wenig Interessenten und eine lebendige Diskussion - so ließe sich der gestrige Abend zusammenfassen. "0b es um die Germanisierung oder Assimilierung geht, dieser Stoff begleitet das sorbische Volk allenthalben", sagte die Gastgeberin und Vorsitzende der Geschichtssektion der Maćica Serbska, Trudla Malinkowa, zur Begrüßung. "Ich stelle ein schwindendes Interesse für sorbische Belange fest - auch dies ist einer der Gründe, dass die Sprache stirbt", kommentierte Sieghard Kosel den nur engen Kreis der Teilnehmer. Mit vielen Fakten zeichnete der langjährige Chefredakteur der "Nowa doba"2 die Tatsache, dass Sprachen sterben. So wird in den nächsten Jahrzehnten mehr als die Hälfte der gegenwärtig 6000 Sprachen verstummen. Ein Hauptgrund dafür ist die noch nicht beendete aggressive europäische Kolonialisierung der Welt. Zu den harten gesellschaftlichen Fakten gehören neben der gewalttätigen Politik der Herrschenden auch die ökonomischen Gegebenheiten. Die Kohlengruben, die wirtschaftliche Notwendigkeit der deutschen Sprache und die demografischen Veränderungen haben auch bei den Sorben dazu beigetragen, dass die sorbische Sprache in einigen Regionen schwindet. Als stellvertretender Vorsitzender des Bautzener Sprachrettungsklubs verwies der Referent zugleich auf "menschliche Schwächen" und auf den mit den neuen Kommunikationsmitteln entstandenen Trend, dass die Menschen schon nicht mehr eine saubere Sprache pflegen. "Auch das ist eine Aushöhlung der Sprachsubstanz", meinte Kosel. Der Warthaer erlebte es selbst, wie sich die Sprachsituation in seinem Heimatdorf veränderte. Nach der Statistik waren 1848 noch 92,6% der Schulkinder sorbischsprachig, im Jahre 1920 waren es 50%, 1966 sank ihr Anteil auf 5%. Heute habe man nur noch nicht einmal zwei Prozent der Kinder, die lernen oder lernten. Ähnlich möchte Sieghard Kosel mit seiner Frau (Mêrka Kosel -der Übers.) den Stand in der gesamten Malschwitzer Gemeinde analysieren. Kosel wünscht sich als Grundlage für weitere Diskussionen eine Dokumentation aller Papiere und Analysen zur sprachlichen Lage der Sorben. Auch die Ergebnisse des Witaj-Projekts sollten ausgewertet werden. Die Teilnehmer des Abends waren sich darin einig, dass das feste sorbische Selbstbewusstsein die Bedingung dafür bleibt, dass die sorbische Sprache auch künftig am Leben bleibt.

1 Maćica Serbska- sorbische wissenschaftliche Vereinigung
2 Nowa doba- sorbische Tageszeitung von 1947 bis 1990