Reiner Kunze

Die Verteidigung der Wörterwelt

 

Schriftsteller hält ĞRede zur Spracheğ in Köthen

 

 

Reiner Kunze

Reiner Kunze, 74, reiste als Gast der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft nach Köthen. (Foto: dpa)

Köthen/MZ. Vor fünf Jahren veröffentlichte Reiner Kunze die Denkschrift "Die Aura der Wörter". Eine Denkschrift, die zugleich eine Streitschrift war: So frühzeitig und entschlossen wie kein zweiter deutscher Schriftsteller nahm der 74-Jährige den öffentlichen Kampf gegen die Rechtschreibreform auf, die ihm nicht nur als überflüssig, sondern im Kern als barbarisch erscheint - als ein Kulturbruch, der mit einem bislang unbekannten Aufwand an staatlicher, wirtschaftlicher und medialer Macht dem Kulturgut Sprache zu Leibe rückte.

Tatsächlich war der Hochmut der Ämter beispiellos; das Ergebnis des Eingriffs ist eine flächendeckende Sprachverwirrung bis heute. "Wer das Niveau der geschriebenen Sprache senkt, senkt das Niveau der Schreibenden, Lesenden und Sprechenden", schrieb Kunze damals. Am Sonnabend verschärfte der bei Passau lebende Autor, der von der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft als Festredner zum "Tag der deutschen Sprache" ins Köthener Schloss geladen war, seinen Befund. "Der Abschied von der Hochsprache geht einher mit dem Abschied vom Humanen", sagte Kunze in seiner halbstündigen "Rede zur Sprache". Ein "Vergehen an der Muttersprache" sei ein "Vergehen an der Menschheit".

Kunze, dessen neuer Lyrikband "lindennacht" (MZ vom 31.8.) dieser Tage erschien, blickt mit der Genauigkeit und Leidenschaft des Dichters auf die Sprache, die sein ureigenes Material ist. Seinen Vortrag, der in der Zeitung "Deutsche Sprachwelt" veröffentlicht werden soll, gestaltet er als ein Aneinanderfügen von Fallbeispielen, Reflexionen und Maximen. Dass mit einzelnen Wörtern nicht nur die Weltwahrnehmung, sondern auch der Wahrnehmende und dessen Welt beschädigt werden, macht Kunze an zahlreichen Beispielen sinnfällig. Dem willkürlichen Ersetzen von Wörtern in der von Gottfried Keller verfassten Novelle "Kleider machen Leute" etwa, die eine Schulbehörde vornahm: Da wurde "demütig" flott durch "unterwürfig" und somit durch einen anderen Sachverhalt ersetzt.

Kunze zitiert den Brief einer Spanierin, die beim Lernen des Deutschen das Wort "Fernweh" fand, ein Gefühl das sie immer gespürt habe, aber nie benennen konnte. Die Wörter zu verteidigen, heißt insofern eine Welt zu retten. "Tröstlich ist, dass wir schon mehrere Eiszeiten überstanden haben", sagt Reiner Kunze. Und er wünscht seinen Gastgebern, dass sie sich von jenen Sprachgesellschaften abheben, "die in jüngster Zeit auf so fatale Weise versagt haben".

Reiner Kunze: "Die Aura der Wörter", Radius-Verlag, Stuttgart, 80 Seiten, 10 Euro