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Weil der Mensch ein Mensch ist

21. 03. 2019

In der SZ vom 21.03.2019 gibt sich der Kolumnist JENS-UWE SOMMERSCHUH zur Problematik "Gender-Gerechtigkeit" als amüsanter Sprachwissenschaftler:

Weil der Mensch ein Mensch ist

Sprache stößt oft an Grenzen. Es gibt keine korrekt weibliche Variante für "der Blödmann" oder "das dumme Huhn".

KaterVivaldi

Kater Vivaldi hört mit


Der Kater Vivaldi lümmelt auf dem Sofa und denkt nach. Die Artenfamilie, der er angehört, ist grammatisch weiblichen Geschlechts: die Katze. Biologisch aber können Katzen sowohl männlich als auch weiblich sein, nicht zu vergessen jene, die sich nicht zuordnen oder festlegen lassen wollen. Vivaldi persönlich hält sich für maskulin. "Der Kater ist sowohl biologisch als auch grammatisch männlichen Geschlechts. Fachleute sagen, dass in diesem Fall Genus und Sexus übereinstimmen.


Das ist nicht immer so. Was haben "der Hengst" und "die Stute" gemeinsam? Genau, den Pferdeschwanz. Wenn "das Pferd" gerufen wird, können zudem beide kommen. "Das Pferd" ist grammatisch ein Neutrum, biologisch aber dies oder das. "Die Ratte", "die Maus", "die Gazelle", "die Schlange": grammatisch weiblich. Noch nie ist ein Mensch von einem "Schlanger" gebissen worden. Noch nie ist Opa Schmidt ein "Mauser" in die Falle gegangen. Das heißt aber nicht, dass sich nur weibliche Mäuse fangen lassen. Eine Schlange in der DDR war polysexuell, nach Bananen standen alle an.


"Der Mond" ist auf Deutsch männlich, für Italiener aber als "la luna" weiblich. Bei der Sonne hingegen ist es anders herum. Das nehmen die beiden strahlend, leuchtend oder gleichgültig zur Kenntnis. Ein biologisches Reinraus haben sie nicht. Kluge Menschen wissen, dass es Tiere und Himmelskörper kalt lässt, wenn grammatisches und biologisches Geschlecht auseinanderklaffen. Weil die ja kein Bewusstsein haben. Kommt es darauf an? Ja. aber wie! Der Mensch, grammatisch männlich, kann biologisch Mann oder Frau oder beides oder etwas Drittes oder Elftes sein. Ein Mensch kann sich heute Conchita Wurst nennen und zum Vollbart Kleider tragen oder morgen zum Namen Thomas Neuwirth zurückkehren und sich den Bart blond färben. Ein Mensch kann sich operieren und Hormone spritzen lassen, um die körperliche Erscheinung der inneren Disposition oder den Wünschen anzupassen.

 

 

Da hat es die Sprache oft nicht leicht, unmissverständlich zu klingen. So oder so ist er oder sie oder es immer auch Mensch. Weder Menschin noch Menscher, kein Menschus und keine Menscholine, und ich fange jetzt nicht an, hier mit Sternchen rumzuopern, denn dann könnten wir gleich dazu übergehen, uns nur noch mittels Smileys und Bildchen zu verständigen oder nackt unsere Namen zu tanzen. Dass "der Mensch" so heißt, wie er heißt, stellt a priori keine Beleidigung oder Beeinträchtigung all derer dar, die im konkreten Fall "die Frau", "das Mädchen", "das Weib" oder "der Drachen" sind und Emma, Mandy, Uschi oder Brünnhilde gerufen werden.


Vielmehr frage ich mich, warum für die durchaus interessante, komplexe Problematik mit "Gendern" ein Wort verwendet wird, das "Dschendern" gesprochen werden will und fast wie "Gendarm" klingt. Manche behaupten, in der Diskussion sei Hass im Spiel. Ich erkenne da eher sprachliche Unwissenheit und stilistische Unbedarftheit, gepaart mit Rechthaberei. Manche, die unbedingt Sternchen haben wollen, geben sich als Leute zu erkennen, die Schöngeistiges nur lesen, wenn es auf dem Handy steht. Die Literatur. Grammatisch weiblich. Mich, Mann, stört das nicht. Doch dann stelle ich fest: "Der Blödmann" ist ohne korrekte gendergerechte Alternative. Nicht mal "das dumme Huhn" ist ausreichend weiblich. Mamma mia!

Unser Autor ist Literat, Kunst- und Musikkritiker. Er schreibt seit 1992 Kolumnen für die Sächsische Zeitung. mail; sz.feuilleton@ddv-mediengruppe.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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